Kontraproduktive Schnelligkeit

Seit gestern Abend wurde im RBB 88,8 ständig von einem „möglichen Terror-Anschlag“ in Berlin berichtet. Obwohl es, den flankiernden Informationen folgend, eine völlig ungesicherte Annahme war.

Berlin: Marokkaner rast mit Auto auf Menschengruppe zu – Passanten konnten sich nur durch Sprünge retten (Epoch Times)

So in etwa war auch der Tenor der Radiommeldung. Die Berliner Polizei war mit ihrer Einschätzung vorsichtiger, sie gab zu bedenken, dass der Fahrer womöglich „nur einen Parkplatz gesucht hat“. Diese Bemerkung verschwand relativ schnell aus der in den Nach­rich­ten­mel­dun­gen pro­mi­nent platz­ierten Bericht­erstat­tung.

Wie sich nun nach diversen Mutationen der Meldung herausstellt, wurde das Geschehen von einer Überwachungskamera aufgenommen. Diese Aufzeichnung macht aus einem „mög­lich­en Terror­anschlag“ ein schnöder Verkehrs­unfall. Es bleibt zwar dabei, dass Fuß­gänger sich nur knapp retten konnten. Allerdings war der vermeintliche Terrorist nur ein Autofahrer, der einem unerwarteten Wende­ma­nö­ver auswich, womit er einen Auf­fahr­un­fall vermeiden wollte, was in der Folge zur Bedrohung für die Fußgänger wurde. Was sich letztendlich wirklich zugetragen hat, lässt sich aus der jetzt schnell nach hinten rutschenden Berichterstattung zum Vorfall nur bedingt heraushören.

Nachdem es nur noch ein dröger Unfall mit Fahrerflucht zu sein schien, erkaltete das Interesse an der Präsentation als Top-Meldung sehr schnell. Offenbar besteht kein Bedarf, eine falsche, dennoch lautstark verkündete Einschätzung ebenso lautstark zu korrigieren. Was wird da wohl bei vielen hängen bleiben, schlimmer noch: was davon werden entsprechend motivierte Brandstifter für ihre Stimmungsmache verwenden?

Dass „die Lügenpresse“ sich da wohl vorschnell auf etwas eingeschossen hat, wird in konkreten Fall niemand aus diesem Lager thematisieren. Das mit der „Lüge“ ist eh relativ. Denn was die eigene An­schau­ung stützen kann, wird – er­for­der­lich­en­falls in ge­eig­neter par­tiel­ler Wieder­gabe zwecks bes­serer Ver­wend­bar­keit – als Hetzgrundlage verwendet. Aus den selben Medien, die der Lüge bezichtigt werden, falls sie kritische Töne gegen solche Legendenbildung anschlagen.

Einer objektiven Prüfung hält diese Verwertungskette keineswegs stand. Allerdings darf tendenziösen Zeitgenossen zugute gehalten werden, dass in deren Weltbild Objektivität und sorgfältige Recherche weitestgehend bedeutungslos sind. Ganz im Gegensatz zur Presse, die genau das zunehmend verliert und damit fast wie bei einer selbsterfüllenden Prophezeihung zu dem verkommt, was die Schreihälse in jede Kamera brüllen, die auf sie gerichtet wird.

Selbst wenn die Berichterstattung sachlich bleibt, stellt sich die Frage, ob sie um jeden Preis „jetzt und sofort“ erfolgen muss. Wenn das „Tatort“-Fenster kleiner wird, damit ein Ticker von einem – ebenfalls nur mit spärlichen Informationen bestückten – Amok-Lauf in den USA berichtet, muss die Frage erlaubt sein, wie dringend diese Information tatsächlich ist.

  • Kann der Zuschauer was dran ändern? Nein.
  • Entgeht dem Zuschauer Relevantes, wenn er das erst in den regulären Nachrichten (im Anschluss) erfährt? Nein.
  • Ist dieser Hinweis für den Zuschauer in irgend einer Weise nützlich? Nein.
  • Ist die Meldung relevantes Begleitmaterial für die Sendung? NEIIIN.

Allerdings:

  • Wären Nachrichten besser, wenn erst einmal belastbare Informationen abgewartet werden? Ja.
  • Verlieren die Meldungen den Charakter der Panikmache und Sensationslust, wenn sie einfach in den dafür vorgesehenen, regulären Sendungen präsentiert werden? Ja.
  • Wären wir alle etwas entspannter, wenn wir Meldungen mit Bedacht und gebotener Sorgfalt präsentiert würden? Sehr wahrscheinlich JA.

Vor allem würde es allen – insbesondere den Medien – gut tun, wenn alles etwas unaufgeregter von Statten ginge. Denn mit den ungezählten Sondersendungen und Eilmeldungen ist genau das erreicht, was Terroristen und Querulanten wollen: permanente Verunsicherung. Bei einigen führt das zu existenziellen Ängsten, die empfänglich für Rattenfänger machen. Womit eine Spirale beschrieben ist, deren Abwendung der vorgeschobene Grund aller Hektik ist.